Motoneuron-Erkrankung
von Dr. Carsten Schröter
Eigentlich ist nicht von der Motoneuron-Erkrankung sondern im Plural von den Motoneuron - Erkrankung
en zu sprechen. Wie der Name
sagt, handelt sich um eine Gruppe von Erkrankungen, die die Motoneurone
betreffen. Die Motoneurone umfassen zwei Gruppen von Nervenzellen, die
für die Willkürmotorik unabdingbar sind. Unter
www.muskelkrankheit.de sind die verschiedenen Strukturen in einem
Schema zusammengefasst, die an der Willkürbewegung beteiligt sind. Wie
aus dem Schema zu entnehmen ist, gibt es das erste und das zweite
Motoneuron.
Im Gehirn befindet sich in einer bestimmten
Region (Gyrus praecentralis) eine Ansammlung großer Nervenzellen, deren
Ausläufer (Axone) bis in den Hirnstamm oder das Rückenmark reichen. Hierbei
handelt es sich um das erste motorische Neuron, das erste Motoneuron. Im
Hirnstamm und Rückenmark findet eine Verschaltung auf ein zweites Neuron statt,
dessen Axon zu den Erfolgsmuskeln zieht und diese aktiviert (innerviert).
Hierbei handelt es sich um das zweite motorische Neuron, das zweite Motoneuron.
Die Motoneuron-Erkrankung
en
sind also Erkrankungen, die das erste
oder das zweite Motorneuron oder beide Gruppen der motorischen Nervenzellen
umfassen.
Motoneuron-Erkrankung - Einteilung:
·
Spastische Spinalparalyse (1. Motoneuron)
·
Spinale Muskelatrophien (2. Motoneuron)
·
Amyotrophische Lateralsklerose (1.und 2. Motoneuron)
· Poliomyelitis und Postpolio-Syndrom (2. Motoneuron)
Weitere Informationen über die einzelnen
Motoneuron-Erkrankung
en finden Sie auf den einzelnen oben
angegebenen Internet-Seiten.
Motoneuron-Erkrankung –
Kurzübersicht:
Bei der
spastischen Spinalparalyse
handelt es sich um eine Erkrankung, die sich insbesondere durch eine spastische
Tonuserhöhung in den Beinen und damit eine Störung des Gehens bemerkbar macht.
Sie tritt in der Regel in der zweiten bis vierten Lebensdekade auf. Etwa zwei
bis zehn von 100.000 Personen leiden unter dieser Krankheit. Wie die Ergebnisse
genetischer Untersuchungen gezeigt haben, wird das Krankheitsbild der
spastischen Spinalparalyse durch Verschiedene Genveränderungen bedingt, somit
handelt es sich tatsächlich eigentlich um eine Gruppe von Erkrankungen. Weitere
Informationen:
www.spastische-spinalparalyse.de
Die
spinalen Muskelatrophien zeichnen
sich durch eine Verschmächtigung und Schwäche der Muskulatur aus. Ursache ist
eine Erkrankung des zweiten motorischen Neurons im Rückenmark und zum Teil auch
des Hirnstamms. Beim Gesunden ziehen sich Muskelfasern durch die Aktivierung
durch Nervenfasern (Innervation) zusammen. Dadurch wird der Muskel je nach der
Zahl der beteiligten Muskelfasern kürzer, er spannt sich an, eine Bewegung wird
durchgeführt. Die Muskelfasern, die von den erkrankten Nervenfasern nicht mehr
richtig angesprochen bzw. aktiviert (innerviert) werden, können sich nicht mehr
zusammenziehen. So wie der gesamte Muskel schmächtiger wird, wenn er nicht mehr
eingesetzt wird, z.B. wenn ein Arm nach einem Knochenbruch einige Wochen im Gips
ruhiggestellt wird, werden auch die einzelnen Muskelfasern schmächtig, wenn die
sie aktivierenden Nervenfasern nicht mehr funktionstüchtig sind. Ist eine
größere Zahl von Muskelfasern betroffen, sieht man schließlich auch die
Verschmächtigung des Muskels. Da hier der Muskel nicht primär erkrankt ist,
sprechen wir von einer sogenannten Muskelatrophie im Gegensatz zur
Muskeldystrophie (s. auch
www.muskel-dystrophie.de), wo der Muskel selbst erkrankt. Durch diesen
Krankheitsprozess nehmen Kraft und Ausdauer des Muskels ab. Parallel läuft ein
Reparaturmechanismus des Körpers ab. Die Muskelfasern, die nicht mehr durch eine
Nervenfaser versorgt werden, können durch einen Spross einer erhaltenen
Nervenfaser mitversorgt werden. Nahe an der entsprechenden Muskelfaser sprosst
die erhaltene Nervenfaser aus, bildet einen Abzweig, der mit der Muskelfaser
eine neue Verbindung (motorische Endplatte) bildet. Damit nimmt die Zahl der von
einer Nervenfaser versorgten (innervierten) Muskelfasern zu. Das Fortschreiten
der Schwäche kann damit aber nicht vollständig aufgehalten werden. Die weitere
Einteilung der spinalen Muskelatrophien erfolgt durch das Alter bei Beginn der
Symptomatik und dem Verteilungsmuster der Schwächen und den begleitenden
weiteren Symptomen. Weitere Informationen:
www.muskelatrophie-spinale.de,
www.spinobulbaere-muskelatrophie.de
Die
amyotrophische Lateralsklerose ist
die häufigste Systemerkrankung des motorischen Systems. Die jährliche
Neuerkrankungsrate (=Inzidenz) beträgt weltweit 0,6 bis 2,4 Personen pro 100.000
Einwohner pro Jahr. Die Häufigkeit des Auftretens nimmt offenbar mit dem Alter
zu. Das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen 50 – 70 Jahren.
Bei der amyotrophen
Lateralsklerose handelt es sich um eine progrediente (=fortschreitende)
degenerative (=durch Zelluntergang bedingte) motorische Systemerkrankung. Sie
ist bedingt durch eine Erkrankung des ersten und des zweiten
motorischen Neurons. Dabei kommt es als Folge der Erkrankung des zweiten
motorischen Neurons zu einer zunehmenden Schwäche und Verschmächtigung
(Atrophie) der Muskulatur. Durch die Beteiligung des ersten motorischen Neurons
werden verstärkte Muskeleigenreflexe und manchmal auch eine spastische
Tonuserhöhung (Steifigkeit) von Muskulatur beobachtet. Weitere Informationen:
www.amyotrophische-lateralsklerose.de. Bei der Poliomyelitis (Kinderlähmung) handelt es sich um eine Virus-Erkrankung des zweiten motorischen Neurons. Die inzwischen als weitgehend ausgestorbene Erkrankung hatte zu rasch auftretenden Schwächen der Muskulatur geführt, die entweder auf bestimmte Muskelgruppen beschränkt sein oder den ganzen Körper einschließlich der Atemmuskulatur betreffen konnte. Aber auch in der heutigen Zeit sind wir mit den Folgen der Erkrankung, die letzten großen Endemien waren in den 60er Jahren aufgetreten, befasst. Entweder liegt ein Poliomyelitisrestzustand vor, dabei bestehen Schwächen fort. Oder aber nach 30 bis 40 Jahren kommt es wieder zu einer allerdings langsamen Zunahme der Schwächen, meist in Muskelgruppen, bei denen zunächst eine ausgeprägtere Schwäche vorgelegen hat, die sich dann aber nach Abschluss des akuten Erkrankungsprozesses gut zurückgebildet hatte. Wir sprechen bei dieser wieder zunehmenden Symptomatik, die auch andere Beschwerden umfassen kann, von dem Postpoliomyelitis- oder kurz Postpolio-Syndrom oder noch kürzer vom PPS. Informieren Sie sich auch zu den Themen Sport und Bewegung bei neuromuskulären Erkrankungen und Hilfsmittel für Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen
von
Dr. med. Carsten Schröter
Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Klinik Hoher Meissner
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